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Erfahrungsbericht Marokko
An dieser Stelle veröffentlichen wir keine Erfahrungsberichte über ein bestimmtes Praktikum oder eine bestimmte Einsatzstelle, sondern eher Berichte, die einen Einblick in die Kultur und das Leben im Gastland bieten. Wir danken Iris Lamers, die einen solchen Bericht über ihre Zeit in Tanger/Marokko verfasst hat.
Das Tor zu Afrika. Tanger. Marokko. Die arabische Welt.
Bevor man seine Reise nach Tanger zum Freiwilligendienst oder Praktikum antritt, muss man sich in seinem Herkunftsland so einiges anhören. Dunkle Gassen, finstere Araber mit Turbanen, verwinkelte Basaare, Anschlagsgefahr... Ich werde nach wie vor mit weit aufgerissenen Augen betrachtet, erwähne ich bei Stippvisiten in Deutschland, in Marokko zu wohnen. Die Vorurteile sitzen tief. Ich muss zugeben, dass der erste Eindruck, den man vor allem in etwas populäreren Gegenden bekommt, die Klischees zum Teil bestätigen wird: Das rau und kehlig klingende Darija, das Gewusel der Menschen, jeden Fremden verfolgende Augenpaare, fremde Gerüche, Männer in an „Star Wars“ erinnernden Kapuzenmänteln (Djellaba genannt), verschleierte Frauen,... Meine erste Erfahrung auf marokkanischem Boden war ein Zöllner, der mir meinen Pass erst nach Herausgabe meiner Handynummer wiedergeben wollte.
Doch man sollte sich davon nicht zu sehr verschüchtern lassen. Marokko steht für mich für eine unglaubliche Vielfalt der Lebensweisen. Was allerdings auch ein wenig typisch für Tanger - als Reliquiem aus der Zeit, als die Stadt noch internationale Zone war - sein mag. Da gibt es die Frau mit Kopftuch und Djellaba, die nur Darija spricht, den Großteil ihres Lebens im Haus verbringt und zu Männern außerhalb ihrer Familie ein distanziertes Verhältnis hat, die junge Marokkanerin, die gläubige Muslima ist und trotzdem ein „freies“ Leben führt wie ein normales europäisches Mädchen, und den Marokkaner, der 5 Sprachen fließend spricht, Alkohol trinkt, eine außereheliche Beziehung führt, Atheist ist. Und das alles innerhalb einer Gesellschaft. Diese Vielfalt muss man erleben, sie mit Worten zu beschreiben wird ihr nicht gerecht. Ich habe das Gefühl, die Menschen hier erfahren viele unterschiedliche kulturelle Eindrücke, und so suchen alle irgendwie eine Lebensphilosophie, die für sie persönlich stimmt. Diese Weltoffenheit drückt sich auch in der Vielsprachigkeit des Landes aus. Jeden Tag bin ich mehr oder weniger „gezwungen“, alle Sprachen, die ich beherrsche, auch anzuwenden. Man gewöhnt sich ziemlich schnell daran und kommt schließlich an den Punkt, dass man ein wenig gelangweilt davon ist, nur eine Sprache zu sprechen. Die meisten Menschen hier sprechen neben ihrer Muttersprache noch Spanisch und/oder Französisch, in manchen Fällen auch Englisch. Trotzdem, es empfiehlt, sich ein wenig Darija zu lernen. Die Freude der Menschen ist ungemein, bemüht man sich, ein paar Brocken in ihrer Sprache herauszubringen. Manchmal senkt sich dabei auch der Preis einer bestimmten Ware, man ist dann ja schließlich kein „Voll-Touri“ mehr... Kurzum, was das alles für uns als Ausländer bedeutet: Man wird immer die richtigen Menschen und Orte finden, ist mal eine Auszeit von der Andersartigkeit von Nöten.
Religion ist in Marokko im Alltag viel präsenter als in Europa. Das zeigt sich schon allein in alltäglichen Floskeln: Laiauen (Gott wird dir helfen), Laihamweldik (Gott schütze deine Eltern), Insha’allah (so Gott will), Bismillah (Im Namen Gottes), Hamdullila (Gott sei Dank), um nur die am häufigsten benutzten zu nennen. Oder in den in fast allen öffentlichen Gebäuden auffindbaren Gebetsräumen. Besonders ist mir das im Ramadan aufgefallen. Das gesamte Leben in diesem Land ändert sich während dieser Zeit. Tagsüber läuft alles auf Sparflamme; Cafés sind größtenteils geschlossen, was eine erhebliche Veränderung bedeutet, da sich große Teile des Soziallebens in ihnen abspielen. Selbst die sonst üblichen Begrüßungsküsschen werden von manchen unterlassen (was manchmal ganz angenehm ist, da sich ein ganzer Tag Fasten ungünstig auf die Mundflora auswirkt). Neben Essen, Trinken und Rauchen ist nämlich auch allzu viel Vertrautheit zwischen Mann und Frau nicht erlaubt für Muslime. Außerdem sind die Menschen gereizter, Schlägereien und hitzige Diskussionen um Kleinigkeiten stehen im Ramadan auf der Tagesordnung. Dafür ist das Nachtleben sehr viel friedlicher und ausgedehnter. Clubs oder Bars bleiben zwar geschlossen, doch man trifft sich bis spät in die Nacht, um die Zeit bis aufs Letzte auszukosten.
Der Ramadan gilt allgemein als Fastenmonat. Stimmt, bis zum Sonnenuntergang. Sobald der Muezzin zum Fastenbrechen ruft („Ftour“), wird bacchusartig geschlemmt, essen wird zelebriert. Ich habe noch nie eine solche Vielfalt an Essen gesehen wie es sie im Ramadan gab. 1, 2 Stunden vor Ftour werden überall in den Straßen die köstlichsten Köstlichkeiten verkauft. Passender fände ich also eigentlich die Bezeichnung „Schlemmermonat“. Doch Fastenmonat hin oder her, es wohnt ihm eine magische Stimmung inne. Schon alleine, wenn man sehnsüchtig auf den Ruf des Muezzin wartet und genau weiß, dass jetzt ein ganzes Land den ersten Löffel der traditionelle Suppe zum Fastenbrechen („Harira“) herbeisehnt. Auf den Straßen ist es dann mucksmäuschenstill. Erst eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang bemerkt man, wie sich alles entspannt, die Spannung des Tages sich allmählich auflöst. Das einzige Problem, das ich in dieser starken Präsenz des Islam sehe, ist der daraus entstehende gesellschaftliche Zwang zum Glauben. Religion ist keine persönliche Angelegenheit mehr, sondern ein Muss, eine Selbstverständlichkeit. Die Marokkaner, die zum Beispiel den Ramadan aus Überzeugung (bzw. fehlender religiöser Überzeugung) nicht zelebrieren, müssen dies verstecken. Kein Muslim zu sein, bedeutet, gegen den (ziemlich starken) Strom zu schwimmen. Was dazu führt, dass Menschen sich Muslim oder Muslima nennen, die es eigentlich nicht sind, die damit verbundenen Werte überhaupt nicht verstehen. Sie beten 5 Mal am Tag, fasten im Ramadan, trinken keinen Alkohol, doch leben den Glauben nicht. Das wiederum vermittelt Außenstehenden ein Bild von der Religion, das ihr in Wirklichkeit überhaupt nicht entspricht.
In Marokko ist mir einmal mehr sehr klar geworden, wie eurozentristisch wir doch denken, wie sehr wir davon überzeugt sind, in der „richtigen“ Kultur zu leben. Wir beurteilen alles aus unserer Sicht, denken, wir seien objektiv, und merken dabei nicht, dass wir uns kein Stück in die Gegenseite einfühlen, weil wir uns überlegen fühlen. Ich habe in Marokko gelernt, wie wichtig es ist, offen zu sein, zu hinterfragen, zu zweifeln. Der erste Schritt zur Integration ist sicherlich zu versuchen zu verstehen. Bereit zu sein zu akzeptieren, dass unsere Lebenskonzepte, unsere Vorstellungen von Dingen wie Freiheit und Sinn nicht absolut sind. Es fällt uns schwer zu glauben, dass auch eine Frau mit Kopftuch, die ihr Leben ihrem Glauben mit all den daran geknüpften Bedingungen, ihrer Familie und dem Haushalt widmet, sich frei und glücklich fühlen kann.
Es gibt aber natürlich auch immer wieder Punkte, wo man wirklich an seine Grenzen stößt, den kulturellen Unterschied sehr stark spürt. Man will sich integrieren, sich anpassen, doch manchmal stehen die Anforderungen einfach zu sehr im Konflikt zu den eigenen Überzeugungen. Welche Verhaltensweisen könnte man ablegen, und welche sind einfach Teil seiner eigenen Identität? Eine schwierige Frage. Europäerinnen wird generell jedoch sowieso mehr Freiheit zugestanden, man lässt ihnen Dinge durchgehen, die bei einer Marokkanerin undenkbar wären. Trotzdem, Marokko ist geprägt von einer Machokultur. Gerade eine Frau, die Unabhängigkeit sucht, ihre Sexualität frei auslebt, findet in diesem Konzept kein Verständnis. In Marokko ist es schwierig (für Frauen mehr, für Männer zwar auch, aber weniger), nach unseren Vorstellungen völlig frei zu leben. Man wird beobachtet, der Lebenswandel be- und verurteilt und dann wird getratscht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen sich damit arrangieren, indem sie Teile ihres Lebens verstecken, einfach zwei Gesichter haben. Ihr eigentliches und das, was sie aller Welt zeigen können. Alles ist erlaubt, so lange man es gut genug zu verstecken weiß. Der Schein ist wichtig in Marokko. Viele Marokkaner empfinden ein schlechtes Gewissen nicht vor sich selbst, sondern nur nach außen. Sie essen im Ramadan, kein Problem. Erst dann, wenn jemand sie erwischt, schämen sie sich. Sie betrügen, doch das ist ihnen nur dann peinlich, wenn es auffliegt. Gerede und Heuchelei (kausal miteinander verbunden) sind sehr präsent in der marokkanischen Gesellschaft. In diesem Zusammenhang komme ich auch auf die Frage des Vertrauens zu sprechen. Selbst die Marokkaner sagen: Vertraue keinem Marokkaner! So weit würde ich natürlich nicht gehen; wer suchet der findet, auch die Nadel im Heuhaufen. Doch ich kann jedem nur raten, sein Vertrauen nicht allzu schnell zu verschenken, hier sollte man noch vorsichtiger sein als in Europa. Man wird schneller getäuscht als man denkt. Erst wenn Zeit ins Land geht, wird man bemerken, wer Vertrauen verdient, wer dir sein wahres Gesicht zeigt - und wer eben nicht.
Eine Frage, die mir natürlich immer wieder gestellt wird: Wie ist das denn mit den marokkanischen Männern, gerade bei dir als Blondine? Ja, es vergeht kein Tag, an dem einem nicht ein „Guapa“, „Beautiful“, „Ghssala“ etc. hinterher gerufen wird. Kein Tag, an dem man nicht mit eindeutiger Absicht angesprochen wird. Kein Kleidungsstück der Welt wird diese Anmachen verhindern, abgesehen vielleicht von der Burka. Ich habe erlebt, dass ich selbst im schlimmsten Schlabberlook und gerade aus dem Bett gequält noch angemacht wurde. Deshalb sollte man sich nicht allzu viele Gedanken bezüglich der Kleidung machen. Normale, nicht allzu freizügige Klamotten, wie man sie auch in Europa auf der Straße tragen würde, sind völlig in Ordnung. Im Nachtleben Tangers ist alles erlaubt, freizügiger als die fast überall präsenten Prostituierten kann man sich sowieso kaum kleiden. Wer sich in Tangers Nachtleben stürzt, sollte nur aufpassen, nicht zu sehr Tanjawi(a) zu werden. Nach kurzer Zeit wird man merken, dass man seinen Lebensrhythmus ändert. Man läuft langsamer und ertappt sich dabei, dass man um 1 Uhr nachts denkt, die Nacht ist noch jung! Und bis mittags schläft. Selbst in Marokko sind die Tanjawi dafür bekannt, einen sehr bequemen und nachtaktiven Lebensrhythmus zu haben.
Ich denke, die Sache mit den Anmachen ist vor allem auch eine Frage des Auftretens. Wer selbstbewusst und bestimmt seine Ablehnung zeigt, wird nicht allzu lange belästigt werden. Wer das dann noch auf Arabisch tut (z.B. mit einem „Schandek achay?“, was so viel bedeutet wie „Was willst du eigentlich?“), wird auch den Letzten in die Flucht schlagen. Eine Gauria (Ausländerin), die Darija spricht? Von der lass ich lieber die Finger, nachher ist die noch mit einem Marokkaner verheiratet... Denn vor Landsmännern haben Marokkaner weitaus mehr Respekt als vor europäischen Männern. Verständlich, bedenkt man, wie „verweichlicht“ die ihre Frauen behandeln und wie viel Freiheit sie ihnen geben. Da kann man ja trotzdem mal sein Glück versuchen, ein Europäer wird dich nicht verprügeln, wirfst du ein Auge auf seine Frau…
Generell bekommt man als Europäerin viel Aufmerksamkeit von marokkanischen Männern, auch abseits der alltäglichen Anmachen auf der Straße. Der Lifestyle und die Kultur, den/die man verkörpert, gelten als extrem cool. Man ist Exotin, mit einer Europäerin gesehen zu werden steigert das Ansehen des Begleiters. Deshalb ist es sehr leicht, Freunde zu finden, denn man ist natürlich interessiert daran, dich kennenzulernen. Doch als Frau mit einem Marokkaner befreundet zu sein, ist bis auf ein paar Ausnahmen nicht wirklich möglich - von seiner Seite wird immer noch „mehr“ im Raum schweben. Denn das Konzept der Freundschaft zwischen Mann und Frau existiert im traditionellen Marokko nicht. Lässt man Frau und Mann nur lange genug zusammen, wird etwas zwischen ihnen passieren, das ist der weit verbreitete Glaube. Viele Männer erfahren dieses Konzept der Freundschaft mit einer Frau außerhalb ihrer Familie einfach nie. Deshalb ist es auch fast unmöglich für sie, es zu verstehen und zu leben. Also Obacht, wird man z.B. zum Kaffeetrinken eingeladen, auch wenn man selbst nicht die leisesten außerfreundschaftlichen Absichten hat - er wird darin sehr wahrscheinlich mehr sehen.
Andererseits hängt diese Offenheit natürlich nicht immer und nur damit zusammen, Europäerin und potenzielle Beziehungskandidatin zu sein. Marokkaner sind im Allgemeinen weitaus offener, herzlicher, gastfreundlicher und interessierter als Europäer. Ich bin vielerorts wirklich ohne Hintergedanken mit offenen Armen empfangen und integriert worden, auch wenn ich nicht die gleiche Sprache spreche, nicht die gleichen Werte teile. Ich wurde ganz selbstverständlich aufgenommen, wofür ich unglaublich dankbar bin.
Was mir, am Ende meiner Marokko-Reise angekommen, zu sagen bleibt? Ich empfinde eine ungeheuer große Dankbarkeit. Für all das Gute und Schlechte, das ich erlebt habe; die vielen magischen Momente; die Begegnungen; dafür, dass ich so wahnsinnig viel gelernt habe. Ich fühle mich wesentlich gereifter, erwachsener, selbstständiger und selbstbewusster. Der Preis, den ich zahle, ist, dass ich mich innerlich noch weiter von Deutschland entfernt habe, ich fühle mich fremd in meiner eigentlichen „Heimat“. Es fällt mir ungeheuer schwer zu gehen, habe ich hier doch ein Zuhause auf Zeit gefunden. Ich weiß ganz sicher, insha’allah, ich werde zurückkehren…
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Wertvolle Einblicke gewährt auch der Text von Miriam Gutekunst.
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