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Voluntourism und kultureller Austausch

Wir danken sehr unserer Teilnehmerin Miriam Gutekunst, einen Teil ihrer Studienarbeit zum Thema "Zum kulturellen Austausch durch Voluntourism - Am Beispiel der Fraueninitiative Union de l’Action Féminine in Marokko" im Folgenden auf unserer Website veröffentlichen zu können.

Wir denken, dass der Text sehr viele relevante Gedanken enthält und nicht nur unseren "Voluntourism"- Teilnehmern, sondern auch Langzeit-Freiwilligen und Praktikanten hilfreich sein kann, sich auf ihren Aufenthalt im Ausland einzustellen.

Miriam Gutekunst studiert am Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 

Zum kulturellen Austausch durch Voluntourism 

Ob in einem Waisenhaus, einem Kindertheater, einem Flüchtlingslager, einer Behindertenwerkstatt, einer Tierschutzstation, im Rahmen eines Wiederaufforstungs- oder Aidshilfeprojekts – die Möglichkeiten, einen Freiwilligendienst im Ausland zu machen, könnten nicht zahlreicher und vielfältiger sein. Sowohl Non-Profit-Organisationen als auch kommerzielle Reiseveranstalter bieten vor allem Jugendlichen aber auch älteren Interessenten die Gelegenheit, in die Ferne zu reisen und gleichzeitig durch das Engagement in einer lokalen Organisation nicht nur die touristische Seite eines Landes kennenzulernen, sondern einen ganz neuen Einblick in die fremde Kultur zu erhalten und nebenbei „Gutes“ für das Gastland und seine Bevölkerung zu tun. Während Freiwilligendienste lange Zeit vor allem im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit üblich waren, hat sich nun für die Tourismusbranche ein neues Reisesegment aufgetan – der Voluntourism. Hierbei handelt es sich um das Angebot für eine oder wenige Wochen in einer gemeinnützigen Organisation oder einer sozialen Einrichtung in einem Schwellen- oder Entwicklungsland mitzuarbeiten, anstatt für mehrere Monate, wie es bei den klassischen Entwicklungsprojekten üblich ist.

Bei meinem Beispiel handelt es sich um eine Fraueninitiative in Tanger, die „Union de l’Action Féminine“ (UAF), bei der man im Rahmen des Voluntourism-Programms der deutschen Organisation „World Unite!“ für eine oder mehrere Wochen mitarbeiten kann. Für meine Forschung habe ich dort selbst eine Woche als Freiwillige verbracht und durch teilnehmende Beobachtung und informelle Gespräche erste Ergebnisse erhalten. Diese konnte ich vertiefen, in dem ich im Nachhinein noch einmal sowohl zu ehemaligen Freiwilligen und dem Leiter von „World Unite!“ als auch zu einer der verantwortlichen Frauen der UAF per E-Mail in Form von Fragebögen Kontakt aufgenommen habe. Ich werde also, bevor ich zu meinem Resümee komme, mein Fallbeispiel vorstellen und dieses anhand von Theorien zu Kulturtransfer und Reisen analysieren.

1. Beschreibung des Feldes

1.1 World Unite!

Es muss beim Voluntourism zwischen zwei Arten von Angeboten unterschieden werden: Pauschalreisen von gewinnorientierten Reiseveranstaltern wie „Sta Travel“, die das neue Reisesegment unter der Rubrik „Reisen und Helfen“ in den Katalog mit aufgenommen haben. In diesem Fall beinhaltet das Angebot neben ein paar Tagen „Helfen“ auch Sightseeing, Wanderungen, Badeausflüge und andere klassische touristische Aktivitäten. „World Unite!“dagegen bietet neben solchen Reisepaketen in Zusammenarbeit mit Agenturen auch das sogenannte Voluntourism-Hopper-Programm an. Dabei bucht man lediglich den ein- bis dreiwöchigen Einsatz inklusive Unterkunft, Transfer vom (Flug-)Hafen zur Unterbringungund zurück, Vorstellung bei der Einrichtung, Informationspaket und einem Ansprechpartner vor Ort. Mit diesem Angebot wird kein Gewinn erzielt, da die Preise so niedrig gehalten werden, „dass sie „nur [die] (…) operativen Kosten und die Fortführung des Programmsdecken“(1). Außerdem bleiben „nahezu sämtliche (…) bezahlten Gebühren [im] (…)Gastland“(2).

Die Vermittlung eines solchen Einsatzes durch „World Unite!“ ist in mehrere Länder möglich. Besondere Fähigkeiten sind, wenn nicht ausdrücklich erwähnt, generell keine Bedingung um einen Freiwilligendienst in diesem Rahmen anzutreten.(3) In Marokko steht neben einer Kinderkrippe, einem Kindertheater und einer Flüchtlingsorganisation, auch die von mir besuchte Fraueninitiative „Union de l’Action Féminine“ (UAF) als Voluntourism-Option zur Auswahl. Der Preis beträgt pro Person für eine Woche 240 Euro, für zwei Wochen 330 Euro und für drei Wochen 410 Euro. Von den 240 Euro zum Beispiel sind 45 Euro für Steuern in Marokko, 70 Euro für die Unterkunft, 12 Euro für den Transfer, 8 Euro für Kommunikationskosten, 5 Euro für Marketing, 40 Euro für Fenna, die Ansprechpartnerin vor Ort, und 60 Euro Rücklagen für die Weiterführung des Programms und die Verwirklichung neuer Projekte.(4)

1.2 „Union de l’Action Féminine“ – die Bereisten

Die „Union de l’Action Féminine” (UAF) ist eine nicht-staatliche Non-Profit-Organisation und wurde 1987 in Rabat gegründet. Mittlerweile umfasst die Fraueninitiative 33 Niederlassungen, unter anderem in Tanger. Zu ihren Zielen zählen die Verbesserung der rechtlichen und gesellschaftlichen Situation der Frauen und der Kampf gegen jegliche Diskriminierungen der Frau. Dies will die UAF erreichen, indem sie durch Ausbildungsangebote und Starthilfen die sozioökonomische Lage der Frauen verbessert und sie in Form von Sensibilisierungskursen über ihre rechtliche Situation aufklärt. Außerdem hat die UAF Kampagnen gegen Gewalt gegenüber Frauen ins Leben gerufen und bietet kostenlos Alphabetisierungskurse an(5). Darüberhinaus gibt es bei der UAF in Tanger, deren Büro sich im Stadtviertel Souani befindet, einen Computerraum und für die kostenpflichtige Ausbildung zur Schneiderin einen Raum mit Nähmaschinen. Für die Kinder der Frauen stehen außerdem eine kleine Bibliothek und Bastelutensilien zur Verfügung, die sie im Rahmen eines Freizeitprogramms nutzen können, zu dem auch Fremdsprachenunterricht gehört. Die verantwortlichen Frauen der Niederlassung in Tanger sind Noura, die für die Buchhaltungund Organisatorisches zuständig ist, und Saloua, die den täglichen Betrieb begleitet und zusätzlich eine externe Mitarbeiterin bei den Sensibilisierungskursen unterstützt.

Die Zusammenarbeit mit „World Unite!“ begann 2009. Seitdem kommen in unregelmäßigen Abständen immer wieder Freiwillige:

„Pour l’UAF, la collaboration avec les volontaires de l’étranger est une nouvelle expérience. On l’a commencé l’année dernière. Le nombre des volontaires varie, ça dépend tout del’organisation « world-unite » qui nous les transmet. De toute façon, on est ouvert pour tout le monde. Ça se peut, qu’on reçoit des volontaires pour une semaine ou pour plusieurs mois. Là, l’UAF est très flexible.“ (Noura)

1.3 Die Freiwilligen

Die Freiwilligen, die sich für die UAF entscheiden, haben zum einen die Möglichkeit sich im Rahmen des Freizeitprogramms zu engagieren, zum Beispiel indem sie Fremdsprachen unterrichten oder am Nachmittag mit den Kindern basteln. Außerdem können sie sich in Form von Reparaturen um die Ausstattung des Hauses kümmern.

Voraussetzung für die Arbeit in der Organisation sind Französischkenntnisse.

„Il y en a des volontaires qui enseignent des langues (le français, l’anglais) pour les femmes et les enfants du quartier. Un autre volontaire, qu’on a reçu, était un technicien qui a réparé les ordinateurs de l’association. On avait aussi deux volontaires des Etats-Unis qui on fait un cours de peinture et de photographie pour les enfants, une artiste et une photographe. Et on a reçudeux allemandes qui on organisé et réalisé des activités (des jeux, des chansons, du bricolage) pour les enfants.” (Noura)

Insgesamt habe ich während meines Aufenthalts in Tanger zwei Freiwillige der UAF angetroffen: Martina, Mitte zwanzig, ist Lehramtsstudentin für Englisch und Französisch in Deutschland. Sie hat zwei Wochen in der Organisation verbracht und während dieser Zeit Kindern zwischen 5 und 17 Jahren Englischunterricht gegeben. Die Schweizerin Katharina, ebenfalls Mitte zwanzig, stand vor ihrem Einsatz bereits als Lehrerin im Berufsleben. Sie unterrichtete Französisch bei der UAF, allerdings für einen Zeitraum von 6 Monaten und somit fällt sie eigentlich nicht unter die Rubrik Voluntourism. Da ich sie aber während ihrer ersten vier Arbeitswochen kennenlernte und interviewte möchte ich auch ihre Aussagen verwenden.

Zurück in Deutschland habe ich zu zwei weiteren ehemaligen Freiwilligen der UAF Kontakt aufgenommen: Simone, eine Anfang vierzigjährige Lehrerin für Geographie und Französisch, die ebenfalls zwei Wochen lang Französischunterricht gegeben hatte und Otto, Ende zwanzig, der innerhalb des gleichen Zeitraums hauptsächlich die Computer der Initiative repariert hatte.

Ich selbst habe im Herbst 2010 zusammen mit Marie, die ebenfalls Lehramt auf Französisch und Sozialkunde studiert, eine Woche lang bei der UAF ein Nachmittagsprogramm für die Kinder des Viertels auf die Beine gestellt. Dafür besorgten wir Materialien zum Basteln, bereiteten Sprachspiele vor und standen Katharina als Unterstützung für ihre Unterrichtseinheiten zur Verfügung.

2. Analyse des Feldes

2.1 Die Begegnung

Wie kann man die Begegnung der Freiwilligen von „World Unite!“ und der marokkanischen Bevölkerung beschreiben? Was zeichnet diese aus und unterscheidet sie vielleicht zu Begegnungen bei anderen Reiseformen?

Zunächst muss zwischen dem Aufeinandertreffen mit Einheimischen außerhalb der Einsatzstelle und der gemeinsamen Zeit zum Einen mit Noura und Saloua von der UAF, aber auch mit Fenna, der Ansprechpartnerin vor Ort unterschieden werden. Während die Begegnung mit Ersteren, zum Beispiel beim Einkaufen oder Essen gehen, etwas Einmaliges und Oberflächliches inne hat, kann das Verhältnis zu den drei vorgestellten Marokkanerinnen größtenteils als intensiv und persönlich bezeichnet werden und findet zumeist über längere Zeit statt. So schreibt Martina über ihre Beziehung zu den verantwortlichen Frauen der UAF: „Das Verhältnis war sehr gut, fast schon freundschaftlich und wir haben außerhalb der Arbeitszeiten etwas unternommen.“ Auch Katharina beschreibt ihr Verhältnis zu Noura sehr positiv: „Mit der Sekretärin der UAF pflegte ich ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Sie lud mich oft ein und bereits nach kurzer Zeit wurde ich wie ein Familienmitglied in ihrem Haus aufgenommen. So unternahmen wir auch in der Freizeit oft etwas zusammen[:] (…)Shopping, Hammambesuch, zusammen ins Café oder ins Kino gehen...“. Für Otto dagegen wurde die Begegnung erschwert, da er das Gefühl hatte, dass das Verhalten der Frauen ihm gegenüber „ein bisschen geheimniskrämerisch“ erschien, was er sich durch die kulturelle Tatsache erklärt, dass es eigentlich nicht üblich ist, dass Männer und Frauen, die nicht verheiratet sind, Zeit miteinander verbringen. Auch zu Fenna pflegten die Freiwilligen ein sehr privates Verhältnis, da diese zumeist auch bei ihr wohnten. Noura beschreibt aus ihrer Sicht die Beziehung zu den Besuchern ihrer Einrichtung ähnlich positiv:

“Jusqu’ à maintenant, j’ai toujours eu une bonne relation avec les volontaires. Je les aime beaucoup. On a de la chance d’avoir eu que de bonnes personnes. Oui, on passe du temps ensemble. Parfois, on sort pour aller boire un café et pour discuter un peu ou on va au hammam ensemble. Et de temps en temps, je les invite dans ma maison.“ (Noura)

Hinzu kommt der Kontakt zu den Bewohnern des Viertels Souani, die das Freizeitangebot nutzen. Auch hier lassen sich eine gewisse Regelmäßigkeit und damit ein vergleichsweise engeres Verhältnis im Gegensatz zu den Begegnungen auf der Straße feststellen. Jedoch sind es nur wenige Kinder und Frauen, die wirklich jeden Tag zum Unterricht kommen und so wechseln die Schüler und Schülerinnen sehr oft. Trotzdem ergeben sich immer wieder Gespräche. So erinnert sich Sabine, dass sie mit den Frauen über Religion und das Schulwesen gesprochen hätte, und diese sie am Ende ihres Aufenthaltes zu einem Abschiedsfest eingeladen hätten.

Bei den Freiwilligen kann man indirekt feststellen, dass sie sich für einen Einsatz bei „WorldUnite!“ entschieden haben, um das Land von einer nicht-touristischen Seite kennenzulernen und, dass sie ein Interesse an der Bevölkerung und deren Kultur haben. Auch diese Einstellung stellt eine gute Voraussetzung für das Aufeinandertreffen dar. Bei den drei weiblichen Freiwilligen kommt hinzu, dass sie in der Arbeit auch eine Möglichkeit sahen, sich aufbauend auf ihrer Ausbildung in einem lockeren Rahmen im Sprachen lehren auszuprobieren.

Was die Begegnung in diesem Fall und im Gegensatz zu anderen Tourismusformen ebenfalls begünstigt, sind die vorausgesetzten Französischkenntnisse(6). Katharina hat sogar einen Arabischkurs besucht, wobei sie sich auch von Anfang an auf einen längeren Aufenthalt vorbereitet hatte. Außerdem bringen die Freiwilligen alle in irgendeiner Form Auslandserfahrung mit. So war zum Beispiel Sabine bereits drei Mal privat in Marokko und für Otto war der Einsatz Teil einer langen Reise, die er „bis heute noch nicht abgeschlossen hat“.

Wie im Theorieteil erwähnt, spielt es bei dem Kulturkontakt auch eine Rolle, wie sehr der soziale und ökonomische Status der Beteiligten voneinander abweicht und ob ähnliche Ziele verfolgt werden. Der soziale und ökonomische Status ist schwierig zu vergleichen, da beide Seiten aus einem sehr unterschiedlichen Kontext kommen: die Freiwilligen aus dem „reichen“ Europa und die Bereisten aus dem Schwellenland Marokko. Erstere verbringen in der UAF ihre Freizeit und sind auf Reisen, die Frauen der Initiative dagegen verdienen mit dieser Arbeit ihr Geld und befinden sich in einer Alltagssituation.

Trotzdem kann man zum Beispiel über Noura sagen, dass ihre Familie dem marokkanischen Mittelstand angehört und ein sicheres Einkommen hat. Ihr Mann arbeitet als Buchhalter und ihrer Wohnung nach zu urteilen, in der wir sie besucht haben, besitzt die vierköpfige Familie einen relativ hohen Lebensstandard. Auch ist ihr Sohn in einem privaten kostenpflichtigen Kindergarten untergebracht. Somit steht man sich in Bezug auf die soziale und ökonomische Situation näher, als wenn man auf jemanden trifft, der am Existenzminimum lebt, wie viele Bewohner des Viertels Souani.

Im Gespräch und durch die Fragebögen wurde deutlich, dass die Ziele beider Seiten,beziehungsweise die Vorstellungen über die Ziele und Motivation der jeweils anderen Person, sehr ähnlich sind. Beide sind an einem kulturellen Austausch interessiert. In welcher Form dieser stattfindet, beziehungsweise stattfinden soll, möchte ich später unter dem Punkt Wissens- und Kulturtransfer genauer erläutern. Die „als Integrationsfigur wirksame Autorität“(7), die die Begegnung begünstigen kann, ist in diesem Fall Fenna, die die Freiwilligen Noura vorstellt und so eine gewisse Vertrauensbasis schafft.

Welche weiteren Punkte beeinflussen die Begegnung in diesem Voluntourism-Beispiel? Wichtig ist immer der Kontext der Beteiligten und die daraus mitgebrachten Stereotype und Vorurteile. Von Seiten der Freiwilligen bestehen Vorstellungen von Marokko und seiner Bevölkerung vor allem aus den Urlaubsberichten von Freunden und Bekannten, Reiseführern und dem Informationspaket von „World Unite!“. Welche Stereotype sie genau mitbringen, inwiefern diese abgelegt oder beibehalten werden, dazu reichen meine Befragungen leider nicht aus. Jedoch werde ich auf diesen Punkt unter „Überwindung der neokolonialen Muster des Ferntourismus?“ in Bezug auf das Fremde und das Eigene noch einmal eingehen. Zuletzt bleibt zu analysieren, welche Rolle Vorder- und Hinterbühne hier für die Bereisten spielt(8). Im Gegensatz zu anderen Tourismusformen beschränkt sich die Begegnung mit den Einheimischen nun nicht nur auf Service-Leistungen. Im Gegenteil: die ökonomische Komponente fällt in der Beziehung zu den Verantwortlichen der UAF quasi weg. Da es außerdem bei dem Aufeinandertreffen zunächst um die Freiwilligentätigkeit geht und nicht um die erwünschte touristische Inszenierung eines exotischen Marokkos, fällt der Blick hinter die Kulissen leichter. Hinzu kommt der Einblick in den beruflichen Alltag der Frauen in der UAF im etwas ärmeren Viertel Souani abseits des touristifizierten Zentrums. Und auch außerhalb der Arbeitszeiten lädt Noura die Freiwilligen privat in ihre Wohnung ein, geht mit ihnen ihren Sohn im Kindergarten abholen oder nimmt sie mit zu ihrem wöchentlichen Gang ins Hammam. Jedoch bleibt es auch hier schwierig zu unterscheiden, was „echt“ ist und was nur für die Freiwilligen „inszeniert“ ist. So waren zum Beispiel unsere Treffen mit Noura in schicken Cafés namens „Glasgow“ und „Madame Porte“ nicht wirklich Teil ihres Alltags, wie sich herausstellte als sie ein Mal erwähnte, dass auch sie diese Lokalität zum ersten Mal betreten würde. Auch wenn die Beziehung zu den Verantwortlichen der UAF und auch zu Fenna als „freundschaftlich“ bezeichnet und als sehr intensiv empfunden wird, bleibt festzuhalten, dass der Reisende sich trotzdem in einer anderen Situation als der Bereiste befindet. So fragt sich die Bloggerin Nora Dunn über die Rolle der Einheimischen im Voluntourism:

„[Are] they locals or tour guides? After seeing troop after troop of volunteers tramp through each week, ushered from project to project, how would you feel if you were a local? Anybody who works or has worked in the tourism industry knows what it is like to field the same set of questions coming from different people each day/week/month.

You make it an amazing experience for them, and they feel very special and connected to you. But to you they’re often just another face … not her tourist hoping to see the ‘real deal’ and trying to help with the best of intentions.”(9)

2.2 Wissens- und Kulturtransfer

Nachdem ich nun die Begegnung in meinem Fallbeispiel genauer beschrieben habe und somit die Voraussetzungen für den hier stattfindenden Wissens- und Kulturtransfer, möchte ich nun darauf eingehen, was konkret zwischen den Beteiligten vermittelt wird und in welcher Formein kultureller Austausch stattfindet(10).

Was lernen die Freiwilligen? Sie kommen mit der Intention etwas über die marokkanische Kultur zu erfahren, abseits der touristischen Attraktionen. Dies gelingt bereits durch die Lage der Räumlichkeiten der UAF. Während sich sowohl Individualreisende als auch Reisegruppen vor allem in der musealisierten Medina mit seiner Kasbah oder auch in der moderneren Ville Nouvelle im Kolonialstil aufhalten, führt der Weg zum Arbeitsplatz der Freiwilligen durch das Viertel Souani, etwas außerhalb des Stadtzentrums. Hier sind keine Touristen anzutreffen. Auf den Märkten und in den Geschäften kaufen nur die Bewohner des Viertels ein und auf die sogenannten „Faux Guides“ (Einheimische, die sich durch Führungen durch die labyrinth-artige Medina Geld verdienen, aber keinen offiziellen Stadtführerstatus besitzen) trifft man hier auch nicht. So kann man hier „echtes“ marokkanisches Alltagsleben beobachten. Jedoch stellt sich wieder die Frage inwiefern das gesehen wird, was man sehen will und wie das Gesehene wahrgenommen und gefiltert wird. Auch hierzu wären weitere qualitative Interviews interessant.

Aber vor allem durch die Gespräche mit den Verantwortlichen der UAF und den Bewohnern des Viertels haben die Freiwilligen die Möglichkeit, sehr viel über die Kultur und Gesellschaft Marokkos zu erfahren. Und im Gegensatz zur Konversation mit Marokkanern, die im Tourismussektor tätig sind und ihr Land vielleicht rundum positiv darstellen wollen, können hier auch kritische Worte fallen. So erhielten wir zum Beispiel durch Noura noch einmal eine ganz andere Sicht auf den Islam und die Rolle der Frau. Während die Religiosität mit allem, was dazu gehört, für uns in Tanger etwas Spirituelles und Friedliches hatte, erklärte uns Noura was der Ruf des Muezzins eigentlich beinhaltet und was die strenge islamische Lebensweise für den Alltag bedeutet. Oder während wir in ihr eine selbstständige, selbstbewusste Frau mit eigenem Einkommen sahen, erklärte sie uns, dass Frauen in der marokkanischen Gesellschaft nach wie vor benachteiligt sind und ihre Jugend lang nur darauf vorbereitet werden, eines Tages zu heiraten. Für Katharina hat die Freiwilligenarbeit ihr Wissen über den Islam, ihren Blick auf Religiosität im Allgemeinen und sogar in Bezug auf ihr Heimatland verändert:

„Ich habe ansatzweise begreifen können, was der muslimische Glaube für den Alltag der Menschen hier bedeutet. Obwohl man nicht vom Einzelfall auf das Gesamte schliessen kann –denn auch hier gibt es Unterschiede bezüglich der Ausübung des Glaubens jedes einzelnen – denke ich, dass die Religion in einem muslimisch geprägten Land eine ganz andere Rolle spielt als das Christentum in Europa. (…) Es ist vielleicht (…) so, dass ich nun besser verstehen kann, warum es für Muslime in einem christlich geprägten Land wie z.B. Deutschland oder der Schweiz zu Verständigungs- und Anpassungsschwierigkeiten kommen kann. Ich habe gelernt, dass Religion eine viel grössere Bedeutung im Leben der Menschen hat, als ich es bisher für möglich gehalten habe. Ich habe realisiert, dass Spiritualität und Glaube in meinem persönlichen Umfeld und meinem Alltag in der Schweiz eine sehr untergeordnete Rolle gespielt haben. Die direkte Auseinandersetzung mit der islamischen Kultur hier in Marokko hat mich dazu bewogen, auch meine eigene Einstellung zu meinem Glauben und zum Christentum im Allgemeinen zu reflektieren und neu zu hinterfragen.“ (Katharina)

Auch gewinnen die Reisenden durch die Freiwilligentätigkeit einen Einblick in das Schulsystem und die Arbeitsweise in Marokko. Das Freizeitprogramm der UAF füllt die Lücken im Stundenplan der Kinder, die sie eigentlich auf der Straße verbringen würden. Sabine war überrascht, wie mangelhaft der Französischunterricht an öffentlichen marokkanischen Schulen sei. Und Martina hätte nicht erwartet, „dass das alles so chaotisch abläuft.

Doch was können die Bereisten aus der Begegnung in diesem Voluntourism–Beispiel mitnehmen? Noura sieht ihren Nutzen unter anderem darin, dass sie durch das Voluntourism-Angebot ihrer Organisation Kontakt zu Ausländern hat, was sie sehr interessant findet und wodurch sie ihre Französischkenntnisse verbessern kann. Was das Wissen über die westliche Kultur der Freiwilligen angeht, hätten die marokkanischen Frauen auch hier die Möglichkeit durch Gespräche mehr darüber zu erfahren. Jedoch habe ich die Erfahrung gemacht, dass in diese Richtung sehr wenig nachgefragt wurde. Auch Katharina schreibt, dass die Fragen zu ihrem Herkunftsland stets sehr oberflächlich gewesen seien und dadurch der kulturelle Austausch etwas einseitig sei. Um die Hintergründe dieses Desinteresses genauerzu analysieren, fehlen mir auch hier die Erhebungen.

Was jedoch den größten Teil des Wissens- und Kulturtransfers für die Bereisten in diesem Fall ausmacht, ist das Kennenlernen der Arbeitsweise und Lehrmethoden der Freiwilligen. Während Katharinas Unterricht oder auch während unseres Nachmittagsprogramms waren immer entweder Saloua oder Noura anwesend und haben uns zum einen bei Verständigungsproblemen unterstützt, aber auch immer notiert, wie wir mit den Kindern arbeiten: Sprachspiele, französische Lieder mit Tanzbewegungen, Tafelanschriften, verwendete Bücher, Bastelideen, die organisatorische Vorgehensweise… So bestätigt Noura: „On profite de leurs expériences professionnelles et de leurs méthodes de travail.“ Hier stellt sich die Frage in wie weit die didaktische und pädagogische Herangehensweise der Europäer angenommen und selbst umgesetzt wird. Denn obwohl Noura und Saloua fließend Französisch sprechen und das manchmal besser als die Freiwilligen, trauen sie sich selbst nicht zu, den Kindern Unterricht zu geben. Noura war außerdem immer der Meinung, dass die Kinder den Unterricht der Freiwilligen bevorzugen, weil diese nicht so strenge seien: „Les enfants prefèrent les volontaires. Ils sont sympa et patients. Nous sommes differentes: Strictes et autoritaires.“ Dies beschrieb sie, wie einen Zustand, den man nicht ändern kann.

Zuletzt ist zu nennen, dass die Schülerinnen und Schüler von den Freiwilligen Fremdsprachenkenntnisse und neue Lernmethoden vermittelt bekommen. Sabine beschrieb die Lernerfolge der Kinder wie folgt: „Sie haben ihren aktiven Wortschatz und [ihre] Sprechbereitschaft erhöht. Lernen in entspannter Atmosphäre, die Fehler erlaubt. Fremdsprache als wirkliches Mittel zur Kommunikation kennengelernt. Die Leute, die ich unterrichtet habe, haben alle neue Lehr- und Lernmethoden kennengelernt und wahrgenommen.“ Hier wäre nachzuprüfen, inwieweit und ob überhaupt innerhalb von zwei Wochen wirklich Fortschritte bei den unterrichteten Kindern und Frauen möglich sind.

2.3 Überwindung der neokolonialen Muster des Ferntourimus?

Um die Analyse des Feldes abzuschließen, werde ich nun noch auf Voluntourism als postkoloniales Reisen eingehen(11). Lassen sich auch hier wie im konventionellen Ferntourismus die beschriebenen neokolonialen Muster finden? Das von „World Unite!“ an die Freiwilligen verschickte Infopaket beginnt mit den Worten: „In Marokko befindet sich das Fremde ganz in der Nähe.“ Es handelt sich also auch hier um eine Suche nach dem ganz „Anderen“ im Gegensatz zum „Eigenen“. Allerdings findet diese Reise unter anderen Bedingungen statt. Zwar befinden sich die Freiwilligen nach wie vor in der privilegierten Situation der Europäer, sowohl finanziell als auch rechtlich, einfach auf den afrikanischen Kontinent reisen zukönnen, im Gegensatz zu der marokkanischen Bevölkerung, der die Ausreise nach Europa zumeist erschwert oder sogar verwehrt wird. Jedoch führt die Form des Voluntourism nicht automatisch zu einer ökonomischen Abhängigkeit. Außerdem hat der Freiwilligentourist die Möglichkeit ein Marokko kennenzulernen, dass sich eben nicht, wie in der touristischen Altstadt, nur durch sein Kunsthandwerk, traditionelle Kleidung, orientalische Bauten, religiöse Feste und landestypische Küche auszeichnet. Stattdessen wird man mit einem marokkanischen Alltag konfrontiert, der zwar auch von, aus der Sicht der Europäer „rückschrittlichen“, Elementen wie Analphabetismus, der Diskriminierung der Frau und bitterer Armut gekennzeichnet ist, aber eben auch von modernen Frauen, die im Berufsleben stehen, alleinerziehend sind, studiert haben, Spaghetti Bolognese kochen, Jeans, Bluse, Absatz und kein Kopftuch tragen und deren Kinder spanische und französische Zeichentrickserien schauen. Während im konventionellen Ferntourismus die westlichen Elemente häufig nicht beachtet oder übersehen werden, wird man beim Voluntourism mit unterschiedlichsten Lebensentwürfen konfrontiert, die vielleicht manchmal in Ansätzen vom Eigenen nicht besonders weit entfernt sind. Durch den Blick auf die „Hinterbühnen“ der Einheimischen wird also hier die Ferne nicht automatisch zu etwas kulturell Zurückliegendem und die Heterogenität der Gesellschaft deutlicher.

3. Resümee und Kritik „Reisen und Helfen“

Zum Schluss bleibt festzuhalten, dass für eine genauere Analyse des kulturellen Austauschs beim Voluntourism weitere Erhebungen und vor allem qualitative Interviews notwendig wären. Trotzdem bringen die Ergebnisse eine Annäherung an die Vor- und Nachteile für die interkulturelle Begegnung bei dieser neuen Reiseform.

Im Vergleich zu anderen Tourismusformen, wird beim Voluntourism der kulturelle Austausch stark begünstigt. Während der Tourist bei konventionellen Reisen zumeist nur auf Einheimische trifft, die im Dienstleistungssektor tätig sind, und sich in Gegenden der Stadt aufhält, die für den Tourismus musealisiert und inszeniert wurden, bekommt der Freiwilligentourist einen Einblick in den Alltag von Menschen, die sich ihren Lebensunterhalt in einer gemeinnützigen Organisation oder sozialen Einrichtung verdienen und bewegt sich in Stadtvierteln, die man als normaler Tourist wahrscheinlich nie betreten würde. Außerdem fällt die Kürze und Einmaligkeit des Aufeinandertreffens weg. Auch wenn der Freiwillige sich nur eine Woche in einem Projekt engagiert, hat die Begegnung eine gewisse Regelmäßigkeit und Intensität. Dies hängt jedoch stark vom Interesse, der Offenheit und der Toleranz auf beiden Seiten ab. Es müssen gewisse Bedingungen erfüllt sein, dass beim Voluntourism wirklich einkultureller Austausch stattfindet. So hatten alle von mir befragten Freiwilligen eine Ausbildung in ihrem Einsatzbereich und dadurch Wissen, von dem sie und auch die Bereisten bei der Arbeit in der Organisation profitieren konnten. Außerdem sollten Fremdsprachenkenntnisse immer die Voraussetzung sein, um einen Freiwilligeneinsatz in diesem Rahmen antreten zu können, da sonst der Dialog bereits aufgrund der Verständigungsprobleme scheitert. Fraglich bleibt nachwievor inwieweit beide Seiten in so kurzer Zeit von ein bis drei Wochen voneinander profitieren können. So konnte man bei Katharina, die für sechs Monate in der UAF tätig war, feststellen, dass sie sehr gut auf ihren Aufenthalt vorbereitet war, sowohl was das Vorwissen über die marokkanische Kultur und Gesellschaft, als auch die Unterrichtsmaterialien und Sprachkenntnisse anging. Weiß man von Anfang an, dass man nur wenige Tage in der Organisation verbringen wird, könnte die Vorbereitung weniger ernst genommen werden. Auch ist es offensichtlich, dass die Schüler und Schülerinnen umso mehr von dem Sprachunterricht profitieren, umso länger der Freiwillige bleibt. Dabei sollte man immer die Überlegung im Bewusstsein haben: was bleibt, wenn die Freiwilligen wieder weg sind? Wie nachhaltig ist der Einsatz? Auch hierzu wären weitere Studien interessant.

Zuletzt möchte ich noch einmal auf den Begriff des „Helfens“ eingehen, mit dem Voluntourism-Anbieter wie „World Unite!“ werben. Was bedeutet Helfen eigentlich und trifft es in diesem Fall zu? Wer hilft hier wem?

Zunächst unterstellt die Bezeichnung „helfen“, dass überhaupt Hilfe nötig ist und somit eine Bedürftigkeit. Doch wer ist in der Lage und im Recht diese Notwendigkeit zu diagnostizieren? Dadurch entsteht ein Machtgefälle zwischen den „überlegenen Experten aus dem Westen“ und den „rückschrittlichen Hilfsbedürftigen aus dem Entwicklungsland“. Ein weiterer Kritikpunkt an dem Terminus „helfen“ ist die Einseitigkeit, die dieser impliziert. Dass aber gerade im Voluntourism, im Gegensatz zu längeren Auslandseinsätzen, eine sehr eigennützige Komponente die Entscheidung für einen Freiwilligeneinsatz beeinflusst, wird dabei nicht einbezogen. Auch wenn die Bereisten von den Freiwilligen etwas lernen können, wenn diese eine gewisse Ausbildung oder Erfahrungen in einem bestimmten Bereich mitbringen, bleibt die Frage, ob diese umgesetzt werden und vor allem ob diese überhaupt nützlich sind für die Organisation, die in einem völlig anderen Kontext agiert. Aber das wichtigste Gegenargument für diese implizierte Bedingungslosigkeit und des Altruismus der „Helfenden“ ist das Wissen und die Erfahrungen, die die Freiwilligen aus ihrem Einsatz mitnehmen und die oftmals dem deutlich überwiegen, was nach ihrer Rückkehr bei den Bereisten bleibt.(12)

Betrachtet man Voluntourism also unter dem Aspekt des „Helfens“ entstehen automatisch negative Bilder von jungen, abenteuerlustigen Touristen aus Europa, die in ein Entwicklungsland fahren, um neben den klassischen Urlaubsaktivitäten für ein paar Tage etwas für die Ärmsten der Armen beizutragen und damit ihr Gewissen zu beruhigen. Stellt man diese Form des Reisens jedoch unter die Rubrik des „kulturellen Austauschs“ und begegnet den Menschen des Gastlandes auf Augenhöhe, in dem Bewusstsein, was man alles von ihnen lernen und erfahren kann, erlangt dieser neuartige, oftmals kritisierte Terminus des Voluntourism eine ganz neue Konnotation.

* Alle Namen von Teilnehmern wurden geändert.

Quellen:

(1) http://www.world-unite.de/de/sonstige-informationen/unsere-prinzipien.html
(2) http://www.world-unite.de/de/sonstige-informationen/uber-uns.html
(3) Vgl. http://www.world-unite.de/de/helfen-reisen-praktikum/voluntourism.html
(4) Vgl. http://www.world-unite.de/de/helfen-reisen-praktikum/voluntourism-hopper-marokko.html
(5) http://www.tanmia.ma/article.php3?id_article=140

(6,7) Herdin, Thomas; Luger Kurt: Der eroberte Horizont. Tourismus und interkulturelle Kommunikation. In: Aus Politik und Zeitgeschichte B 47 (2001).
(8) vgl. Goffman, Erving: Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. München 1973. Piper Verlag.
(9) vgl. Burke, Peter: Kultureller Austausch. Frankfurt am Main 2000. Suhrkamp Verlag.
(10) http://www.vagabondish.com/voluntourism-volunteer-tourism-in-depth/
(11)vgl. Wöhler, Karlheinz: Fernreisen als postkoloniales Reisen. In: Baumgartner, Christian; Luger, Kurt; Wöhler, Karlheinz (Hg.): Ferntourismus wohin? Der globale Tourismus erobert den Horizont. Innsbruck, München u.a. 2004. Studienverlag.
(12) vgl. http://www.emanzipart.de/Hinter%20den%20Kulissen%20von%20Entwicklungshilfe.pdf