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Hast Du die richtige Einstellung?
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Hast Du die richtige Einstellung?

Als Teilnehmer an unseren Programmen bist Du ein wichtiger Teil der angebotenen Projekte und Tätigkeiten. Für deren Erfolg ist Deine Einstellung gegenüber den Projekten und Deinem Aufenthalt in einem Entwicklungsland fundamental. Aus diesem Grund haben wir einige Fragen zusammengestellt, die Du Dir stellen solltest.

Die Fragen und Antworten basieren auf der exzellenten Arbeit der irischen Entwicklungsgesellschaft Comhlámh (gälisch für „Verbundenheit“), die diese in mehreren Publikationen wie der Website volunteeringoptions.org publiziert hat sowie auf deren Weiterentwicklung von Dr. Kate Simpson (ethicalvolunteering.org).


Frage 1: Bist Du bereit, so viel wie möglich über Dein Gastland und dessen Gesellschaft zu lernen?

Wenn Du etwas über ein neues Land und dessen Gesellschaft lernen willst, dann sollte dies auf vielfältige Weise erfolgen. Es ist nicht genug, einfach nur einzureisen und dann zu hoffen, dass sich alles von selbst erklärt. Genauso wenig ist es genug, nur die Informationen, die World Unite! Dir zur Verfügung stellen, zu Rate zu ziehen.

Bevor du einreist, informiere Dich so viel es nur geht über das Land. Lese die aktuellen Nachrichten im Internet und informiere Dich durch Filme und Bücher über Themen, die das Land bewegen. Wenn möglich, spreche mit Menschen, die das Land aus einer nicht touristischen Sicherweise kennen.

Wenn Du dann in Deinem Gastland bist, lese die lokale Zeitung, gehe zu örtlichen Veranstaltungen und rede mit Einheimischen. Wenn Du bereits ein Grundwissen über die Angelegenheiten des Landes hast, ist es einfach, mit Einheimischen ins Gespräch zu kommen und somit aus erster Hand eine Vielfalt von Meinungen über politische, geschichtliche und kulturelle Themen zu erhalten, die sich Dir ohne Deine aktive Lernbereitschaft Dir niemals erschlossen hätten.


Frage 2: Bist Du bereit, ein Lernender und ein Gast zu sein?

Viele Freiwillige und Praktikanten in Entwicklungsländern geben als Grund für Ihren Einsatz an, dass sie „helfen“ wollen und „etwas geben“. Daran ist grundsätzlich nichts Schlechtes, jedoch kann diese Motivation auch negativ sein, wenn sie sich in der Form äußert, dass Praktikanten ein Überlegenheitsgefühl mitbringen und denken dass sie als Teil der entwickelten Welt wissen, „wie man die Dinge richtig macht“. Sie zeigen somit wenig Sensibilität für die Gebräuche und für das vor Ort befindliche Wissen. Dabei ist es in vielen Fällen so, dass die Freiwilligen und Praktikanten mehr von den Gastgebern lernen, als die Gastgeber von ihnen.

Auch sollte man sich darüber im Klaren sein, dass reine Nächstenliebe selten der einzige Grund für die Entscheidung ist, eine Freiwilligenarbeit in einem Entwicklungsland anzutreten. Andere Triebfedern sind etwa, einen Aufenthalt in einer fremden Kultur spannend zu finden, etwas lernen zu können, neue Leute kennen lernen können, oder für eine begrenzte Zeit ein Leben zu führen, das anders ist als der eigene Alltag. Wenn wir für unseren Auslandseinsatz eine Sichtweise haben, die diese Aspekte des Gebens und Nehmens einbezieht, dann sehen wir die Menschen, mit denen wir es während unseres Auslandseinsatzes zu tun haben weniger als zum Dank verpflichtete Empfänger unserer Nächstenliebe, sondern als Menschen, von denen und mit denen wir etwas lernen können. Die besten Freiwilligen sind die, die die Einstellung haben, dass sie genauso viel, wenn nicht mehr, zu lernen haben, als zu geben.

Bitte lies Dir dazu auch den exzellenten Aufsatz unserer Teilnehmerin Miriam durch!


Frage 3: Bist Du fähig, den Freiwilligenjob anzutreten, um den Du dich bewirbst?

Sei ehrlich, was die Fähigkeiten betrifft, die Du anbieten kannst und nehme einen Job an, für den Du geeignet bist. Wenn Du etwa an einer Schule in einem Entwicklungsland unterrichten willst, dies aber in Deiner Heimat noch nie gemacht hast, was berechtigt dich, dies nun im Ausland zu tun? Wir sagen nicht, dass Du nichts Neues während Deines Auslandsaufenthalts hinzulernen kannst, aber vielleicht ist es sinnvoll, dass Du Dich, wenn Du in einem Bereich tätig werden willst, in dem Du wenig Erfahrung hast, vorher bestmöglich auf Deine Tätigkeit vorbereitest. Im Falle des Unterrichtens könntest Du z.B. vor Deiner Abreise einer Gruppe Kinder in Deinem Heimatland etwas unterrichten.

Benutze alle Informationen, die Du über Deine Tätigkeit vor Deiner Abreise bekommen kannst und stelle uns Fragen, um ein möglichst realistisches Bild Deiner Tätigkeit zu bekommen. Überlege Dir, was Du von Deiner Tätigkeit und Deinem Aufenthalt in Deiner Gastgesellschaft erwartest. Viele Freiwillige sind frustriert darüber, wie wenig sie in Anbetracht großer Probleme bewältigen können. Versuche darum, Deine Erwartungen an Deine Möglichkeiten anzupassen. Ein großer Teil Deiner Tätigkeit besteht darin, Beziehungen zu anderen Menschen zu knöpfen und von deren Kultur zu lernen.


Frage 4: Bist Du bereit, professionell zu arbeiten?

Das Forum „Tourism Concern“ hat in London im Herbst 2006 über den wirklichen Nutzen von Freiwilligenarbeit in Entwicklungsländern diskutiert, und dabei festgestellt, dass es eine nicht unbeträchtliche Zahl von Freiwilligen gibt, die ihren Aufenthalt als alternative Form eines Urlaubs ansehen und sich dementsprechend verhalten. Sie erscheinen zu spät zu ihrer Arbeit, sind unmotiviert, bleiben unentschuldigt und unbegründet der Arbeit fern oder kommen alkoholisiert zur Arbeit. Solches Verhalten können wir nicht dulden, denn es gefährdet den Erfolg der Projekte und Organisationen, unser gutes Verhältnis zu diesen und das Ansehen unserer westlichen Gesellschaft im Ganzen.


Frage 5: Bist Du bereit, flexibel zu sein?

Wenn Du in ein Entwicklungsland reist, um dort ein Praktikum oder eine Freiwilligenarbeit aufzunehmen, dann hast Du dich dazu entschieden etwas zu machen, das „anders“ ist als Dein gewohntes Leben in Europa. Also solltest du erwarten, dass die Dinge „anders“ laufen als in Deutschland oder Europa. Dies bedeutet „andere“ Arbeitsweisen, „andere“ Arbeitszeiten, „andere“ Arten der Kommunikation, der Zeitplanung, der Organisation, des Zusammenlebens. Es bedeutet „andere“ Weisen Projekte zu leiten und andere Erwartungen an die Ergebnisse dieser Projekte. Du solltest in der Lage sein, mit diesen Unterschieden zu Recht zu kommen.

Die Mentalitätsunterschiede zwischen Europäern und Afrikanern, Indern, Arabern und Asiaten können gewaltig sein. Denke daran, dass Menschen verwirrt sein können darüber, warum Du Dich plötzlich in ihrem Umfeld aufhältst und welche Gründe du dafür hast. Bereite Dich darauf vor, ihre Fragen zu beantworten, verbringe Zeit mit ihnen und baue eine Beziehung zu ihnen auf, die auf Verständnis basiert und nicht auf Annahmen.

Oft passiert es etwa, dass Freiwillige/Praktikanten den Eindruck haben, dass es "zu wenig" zu tun gibt, obwohl sich unsere Betreuer aktiv einbringen, zusammen mit Deiner Einsatzstelle klare Aufgaben für Dich zu definieren.

Unser europäischer Drang zum Eifer und möglichst viel in wenig Zeit zu packen ist jedoch vielen Afrikanern, Indern usw. fremd. Menschliche Beziehungen haben dort Vorrang. Normalerweise wird viel Zeit darin investiert, eine starke Beziehung zu jemandem aufzubauen, was sich dann später auszahlt - wohingegen es sich selten auszahlt, wenn man die Zeit mit jemandem stark rationiert.

Drei Aspekte, die einem in Indien, aber auch in Afrika begegnen werden sind Langsamkeit, Verzögerungen und eine Menge Bürokratie. Pünktlichkeit ist keine Stärke der Inder und Afrikaner, darum solltest Du in der Lage sein, Dich in Geduld und Toleranz zu üben! Wenn Du mit jemandem zu einer bestimmten Uhrzeit etwas machen wolltest, erwarte nicht, dass dies dann auch stattfindet. Familiäre Dinge haben in Afrika und Indien immer Vorrang vor der Arbeit und da die Familien sehr groß sind, gibt es immer einen wichtigen Grund, warum etwas verschoben oder nicht durchgeführt werden kann! Plane Deinen Tag so, dass Du flexibel auf solche Dinge reagieren kannst und werde nicht ungeduldig oder frustriert! Sowohl Afrikaner als auch Inder leben in der Gegenwart. Die Vergangenheit ist schnell vergessen und über die Zukunft macht man sich wenig Gedanken. Aus diesem Grund wird auch wenig mehr als ein paar Tage in die Zukunft geplant. Wenn Du Dich etwa mit jemandem verabredet hast, erinnere die Person immer kurz vorher noch einmal.

Bei kleineren NGOs oder Mitarbeitern, die wenig Erfahrung im Umgang mit Europäern haben, kann es auch sein, dass diese sich einfach nicht trauen, Dir Aufgaben zu geben und erwarten, dass Du Dich selbst beschäftigst. Falls Du diesen Eindruck hast, sprich mit den Leuten, erkläre ihnen, was Du erreichen kannst und was nicht. Versuche herauszufinden, was die Leute zu ihrer Tätigkeit motiviert und stecke Dir selbst Ziele, die Du hier zugunsten der Projekte erreichen willst. Schlage ihnen diese vor und wenn sie zustimmen, verfolge diese selbständig, doch sei flexibel, diese Ziele neu zu definieren, wenn es die Situation bedarf. Stelle keine zu hohen Anforderungen daran, was Du erreichen kannst.  

Auch wenn Du denkst, dass Du die tollsten Ideen und das beste Fachwissen hast für die Situation, in der Du gerade arbeitest, denke daran, dass Deine Lösungen in Deinem Heimatland funktionieren können, aber nicht unbedingt in Deinem Umfeld in Afrika, Indien, Marokko usw. Es dauert eine lange Zeit, bis Du wirklich die Schwierigkeiten und Probleme der Leute vor Ort verstehen kannst und darum ist es nötig, dass Du sensibel bist gegenüber den Vorstellungen und Gefühlen der Leute, die mit Dir arbeiten und ihnen nicht das Gefühl gibst, dass nur Du weißt, was das Beste ist!

Dies soll nicht bedeuten, das Deine Ideen nicht gut oder richtig sind, sondern dass Du Dich der Herangehensweise vor Ort anpasst. Nicht Deine festen Werte sind hier das wichtigste, sondern dass Du etwas erreichst zugunsten Deiner Projekte - und dazu musst Du zuhören, verstehen und Dich in Deinem Verhalten anpassen. Sei vorsichtig damit, leichtfertig Dinge zu kritisieren. 

Dies betrifft auch unterschiedliche Vorstellung von und Herangehensweisen an bestimmte Sachverhalte. Erziehung läuft in den meisten nicht-westlichen Ländern etwa in Form von sturem Auswendiglernen, papageienartigem Nachsprechen und Zwang, aber kaum über Partizipation oder Verständnis. Auch steht es in den meisten Kulturkreisen außer Frage, dass Kinder zu "Erziehungszwecken" geschlagen werden. Im Bereich Medizin wird in tropischen Entwicklungsländern sofort bei jedem noch so kleinen Wehwehchen oder sogar vorbeugend das Maximum an starken Medikamenten und Breitbandantibiotika gegeben; "psychologische Betreuung" wird oft von Geistlichen oder Sozialarbeitern durchgeführt, die ein wesentlich anderes Verständnis des Begriffs haben als wir im Westen. Auch Fachkräfte können in Tansania, Marokko etc. eine andere Auffassung davon haben, was "ökologisch" oder "umweltfreundlich" ist als Du.   Dies mag Deinen Vorlieben widersprechen - es ist aber nicht der Sache dienlich, wenn Du dies alles als falsch und böse verurteilst. Es ist unmöglich, dass Du, wenn es Dir darauf ankommt, solche Sachen in kurzer Zeit zugunster Deiner Einstellung verändern kannst. Du kannst die Leute vor Ort diplomatisch über Deine Meinung unterrichten und bei Deinem eigenen Einsatz etwas anders machen, aber ansonsten ist auch in dieser Hinsicht Verständnis und Flexibilität Deinerseits gefragt.

Für den Umgang mit Einheimischen ist das Erlernen von Grundkenntnissen der Sprache der Gastgesellschaft dabei von unschlagbarem Vorteil.

 

Frage 6: Bist Du bereit, Verantwortung für Deine eigene Gesundheit und Sicherheit zu übernehmen?

Wenn Du über eine längere Zeit weit von zuhause entfernt bist, solltest Du bereit sein, für Deine eigene Gesundheit, sowohl mental aus auch körperlich, Verantwortung zu übernehmen. Wir, World Unite!, können nicht jegliche Situation hervorsehen und du musst selbst Entscheidungen treffen, die Deine Sicherheit und Gesundheit beeinträchtigen können. Wenn Du dich für unser „Sorgenfrei-Paket“ entscheidest, geben wir Dir Informationen zur Gesundheitsvorsorge und Sicherheit, eine Orientierung und Ansprechpartner vor Ort, Empfehlungen zu Impfungen und zum Abschluss einer passenden Reisekrankenversicherung. Die Projekte und Unterkünfte, die wir aussuchen, minimieren die Sicherheits- und Gesundheitsgefahren. Letztendlich trägst jedoch Du selbst durch Dein Verhalten für Deine Sicherheit und Gesundheit die Verantwortung.


Frage 7: Bist Du bereit, ein Botschafter für die Völkerverständigung zu werden?

Als Freiwilliger in einem Entwicklungsland bist du in der privilegierten Lage, etwas aus erster Hand über Dein Gastland lernen zu können. Wir möchten Dich dazu ermutigen, nach Deiner Rückkehr Deine Erfahrungen in Deiner Heimat zu kommunizieren und somit für Belange, die Dein Gastland betreffen, Auskunft geben zu können und zur Völkerverständigung beizutragen. Wir sehen es besonders gerne, wenn ehemalige Freiwillige und Praktikanten Artikel in Studentenzeitschriften, lokalen Zeitungen oder dem Internet veröffentlichen, wenn sie auf Veranstaltungen sprechen oder langfristige Beziehungen zu ihren Projekten aufbauen.


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