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| Dr. Rakesh Ghildiyal mit unserer Betreuerin Sudipta und 2 Psychologiestudentinnen |
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Psychologie/Psychiatrie/Psychotherapie-Praktika
In Indien können wir verschiede Praktika für Studierende aus den Bereichen Psychologie, Psychotherapie und Psychiatrie anbieten. Die Einsätze in Navi Mumbai lassen sich auch kombinieren.
MGM Krankenhäuser Navi Mumbai
Die drei Krankenhäuser von MGM (Mahatma Gandhi Mission) in Navi Mumbai mit den Standorten Vashi, Kalamboli und Kamothe haben alle psychiatrische Abteilungen.
Der Leiter dieser Einrichtungen ist der Psychiater Dr. Rakesh Ghildiyal, dort arbeiten auch Psychologen unter der Leitung der klinischen Psychologin Neelanjana Mathur.
Du wirst als Praktikant/in in einer der drei Kliniken eingesetzt und kannst die Behandlungsweisen kennenlernen. Du wirst bei den Patientengesprächen (bei denen in Indien meist die gesamte Großfamilie mit dabei sitzt) dabei sein und bekommst Erklärungen, sollte die Behandlung nicht auf Englisch durchgeführt werden.
Psychotherapie hat in Indien noch nicht den Status wie im Westen. Wie in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern wird bei der Behandlung seelischer Erkrankungen der Hauptvermerk auf Psychopharmakologie gelegt.
Anhand der Rückmeldung bisheriger Teilnehmer ist es bei MGM Navi Mumbai zudem nötig, aktiv zu sein und auf die
indischen Mitarbeiter zuzugehen, selbst die Akten der Patienten durchzulesen
und nachzufragen. Bitte lies Dir den Praktikumsbereicht von Anna am Ende dieser Seite durch.
Dr. Rakesh Ghildiyal, der zugleich auch Direktor der psychiatrischen Gesellschaft von Mumbai ist, hat den Nutzen der Einbeziehung der Psychotherapie erkannt und unterstützt diese entsprechend.
Neben seiner Tätigkeit bei MGM betreibt er auch noch abends und am Wochenende seine eigene private Praxis am Vashi Plaza. Bei Interesse kannst Du auch dort ihn begleiten. Außerdem kannst Du die klinischen Psychologinnen begleiten bei der kinderpsychologischen Sprechstunde und bei der Betreuung von Bewohnern eines Altersheimes.
Am Ende dieser Seite ein ausführlicher Praktikumsbereicht von Anna.
ACE Academy for Counseling and Education Navi Mumbai
Psychologie-Praktika sind auch möglich in den Einrichtungen von ACE
(Academy for Counseling & Education). ACE ist eine seit 17 Jahren
existierende Behandlungsmethode, die von der klinischen Psychologin Ms.
Salma Prabhu entwickelt wurde. Seit dem Start wurden über 75.000
Personen bei ACE beraten. Dabei fokussiert ACE auf die Bereiche
Karriereberatung, Heilerziehung, psychologische Beratung für
Privatpersonen sowie Unternehmen sowie Training und Intervention im
Personalwesen. ACE ist auch ein authorisierter Trainingspartner für
Pearson Clinical Assessments.
The Ideologie von ACE entwickelte sich aus der Beobachtung von Salma
Prabhu in den 1990-er-Jahren, dass durch gesellschaftliche
Verändererungen in Indien viele Leute Schwierigkeiten bekamen,
gesellschaftliches Leben, Karriere und sozialen Status zu bewältigen.
Daraus entwickelte sie ACE, dessen Ziel es ist, die Zufriedenheit der
Menschen im Leben zu steigern.
Salma Prabhu ist eine in ganz Indien bekannte Psychologin, die in
Mumbai und Navi Mumbai 5 ACE-Zentren betreibt, in denen weitere
Psychologen angestellt sind und die 7 Tage pro Woche geöffnet sind.
Salma schreibt regelmäßig Kolumnen für führende Zeitungen in Indien wie
Mumbai Mirror, Times of India und DNA und hat zahlreiche
Psychologie-Bücher sowie ein Audio-CD veröffentlicht. Sie hat für das
TATA Institut für Sozialwissenschaften das M.A.-Programm in Counseling
entwickelt und ist dort auch als Dozentin tätig, sowie für SIES Mumbai
das Postgraduate Programm "Guidance and Counseling". Auf Saam TV ist sie
jeden Freitag um 16 Uhr als Fernsehpsychologin tätig, im Programm rufen
Bürger an und lassen sich beraten, hauptsächlich zu Themen wie
Eltern-Kind-Beziehung, Positives Denken, Zeitmanagement,
Stressmanagement.
Die Dienste, die ACE anbietet sind "Young ACE", bei dem Kinder einen
Assessment-Test durchführen (ICL - Integrated Career Logic), der
Auskunft darüber erteilt, für welchen Beruf das Kind sich eignet.
Bereits 50000 Kinder haben diesen Test bei ACE abgelegt.
"ACE Therapist" richtet sich an Kinder, die an Mangel an
Konzentration, Tagträumerei, Lernschwäche, Faulheit,
Rechtschreibeschwäche und Mangel an Motivation leiden. Dabei werden die
Schwächen identifiert und an ihnen gearbeitet; auch Eltern und Lehrer
werden dabei einbezogen.
"ACE Personal" beinhaltet persönliche psychologische Beratungen inkl.
Eltern-Kind-Beziehung, Eheprobleme, IQ-Test, Verhaltensauffälligkeiten,
Persönlichkeits-Assessments wie 16PF, MBTO, FIRO-B usw.
"ACE Training" gibt Eltern und Lehrern Hilfe in Erziehung; besondere
Schwerpunkte beinhalten Heilerziehung, Karriereberatung, Führung &
Beratung. ACE ist ein authorisiertes Trainingszentrum für Pearson
Clinical Assessments, dabei werden Workshops zu durchgeführt zu Wechsler
Serien, Dyslexia Screening, BAYLEY and Vineland Adaptive Behavioural
Scale II.
"ACE HR" richtet sich an Unternehmenskunden und berät diese in den
Bereichen Organisationspsychologie, Recruitment, Mitarbeiterbindung,
PMS, Assessment-Based Competency Mapping, Leadership Development und
Konfliktmanagement/Team-Dynamik.
Praktikanten können bei ACE-Sitzungen dabei sein. Wir erhalten durchgängig sehr positive Rückmeldungen über Praktika bei ACE.
Avalon Heights International School Navi Mumbai
Neben dem Praktikum in den Krankenhäusern kannst Du auch mindestens zweimal wöchentlich nachmittags in die private Avalon Heights International School. Hier gibt es ein Programm, das Schüler, die Schwierigkeiten haben, psychologisch unterstützt. Zwei Psychologen arbeiten an der Schule und haben verschiedene Kleingruppen für Kinder mit Problemen wie ADHS gebildet. Du kannst eigenständig eine dieser Gruppen übernehmen und mit den Schülern Aktivitäten durchführen. Der gesamte Unterricht an dieser Schule findet auf Englisch statt.
Sambhali Trust - Kinder mit Lernschwäche
Sambhali Trust in Jodhpur/Rajasthan startete 2012 ein Projekt in Zusammenarbeit mit dem Sozialamt von Jodphur, das von der klinischen Psychologin Dr. Reena Bhansali angeleitet wird.
In Indien besteht das Risiko, dass Kinder, die eine Lernschwäche haben, in eine psychiatrische Klinik gesteckt werden. Die Psychologin von Sambhali Trust kümmert sich um lernschwache Kinder, um dann dem Sozialamt nachzuweisen, dass die Lernschwäche des jeweiligen Kindes keine psychische Erkrankung ist.
Freiwillige und Praktikanten begleiten die Psychologin bei ihrer Arbeit. Frau Bhansali kann auch als qualifizierte Praktikumsbetreuerin tätig sein.
Infobox:
Ort: Navi Mumbai, Indien bzw. Jodhpur (siehe Text)
Dauer: Navi Mumbai: mind. 2 Wochen; Sambhali: mind. 2 Monate
Kenntnisse
erforderlich: passendes Studium oder Abschluss
Kosten: Navi Mumbai: Sorgenfreipaket (500 €) obligatorisch. Für das Praktikum bei den MGM Krankenhäusern fällt zudem ein Beitrag an, der direkt ans Krankenhaus zu bezahlen ist. Dieser beträgt -31 days – 200 USD; 32-90 days – 300 USD; 91-180 days – 500 USD; 181-365 days – 1000 USD.
Für ACE fällt ein Beitrag in Höhe von 5000 Rupees (ca. 72 €) pro angefangenem Monat an.
Für Avalon Heights fallen keine Beiträge an. Es ist auch möglich, einen Vollzeiteinsatz nur bei Avalon Heights zu machen.
Jodhpur: Sorgenfreipaket 250 € für bis zu 90 Tage; 500 € für mehr als 90 Tage, keine weiteren Beiträge.
Unterbringung: Nicht beinhaltet
Verpflegung: Nicht beinhaltet
Inklusive: Vermittlung; bei Abschluss des Sorgenfreipakets gesamter Leistungsumfang des Sorgenfreipakets
Nicht inklusive: Anreise nach Indien,
Krankenversicherung, Visum, Arbeitserlaubnis
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Psychiatrische Abteilung des MGM Hospital Kamothe, Navi Mumbai, Indien
Klinisches Praktikum, 06.08.2012-05.09.2012
Praktikumsbericht
1. Informationen über die Praktikumseinrichtung
1.1 Allgemeines zum Krankenhaus
Das MGM Hospital Kamothe gehört zur Mahatma Ghandi Mission. Es versorgt zum Teil Privatpatienten, bietet bei Nachweis von Bedürftigkeit den jeweiligen Betroffenen jedoch auch eine kostenfreie Behandlung an. Refinanziert wird jene unter anderem durch das angeschlossene Medical College, dessen Studenten wiederum im Krankenhaus erste praktische Erfahrungen sammeln dürfen. Die Psychiatrie, in der ich mein Praktikum absolvierte, stellt eine von vielen Abteilungen dieses Krankenhauses dar.
1.2 MitarbeiterInnen
MitarbeiterInnen der Psychiatrie sind: Dr. Rakesh Ghildiyal (Professor und HOD, Head of the Department), Dr. Shaunak Ajinkya (Professor), Dr. Darpan Kaur (Assistant Professor), Dr. Asma Manzoor (Chief Resident), Dr. Junaid Nabi (Senior Resident) und Dr. Swati Mittal (Junior Resident); sie alle haben Medizin studiert und sich auf die Psychiatrie spezialisiert bzw. befinden sich gerade noch in dieser Zusatzausbildung. Weiterhin sind zwei klinische Psychologinnen angestellt: Vaishali Shelar und Pushplata Debsikdar, sowie natürlich Pflegepersonal.
Neben den der Psychiatrie zugewiesenen PatientInnen übernimmt die Abteilung auch die psychologische Betreuung in dieser Hinsicht behandlungsbedürftiger PatientInnen anderer Abteilungen. Teils handelt es sich, wie bereits angedeutet, um selbst zahlende Patienten, teils um solche, die nach Nachweis ihrer Bedürftigkeit eine kostenlose Behandlung erhalten. Letztere stammen meist aus den Vororten Navi Mumbais oder sogar entlegeneren Dörfern der Region. Die klinische Psychologin Pushplata Debsikdar übernimmt zudem zweimal wöchentlich die kinderpsychologische Sprechstunde im Krankenhaus MGM Kalamboli und Vaishali Shelar die psychologische Betreuung der BewohnerInnen eines Altenheims in Kamothe.
Neben der Betreuung der ambulanten sowie stationären Patienten in Einzelgesprächen findet täglich eine Gruppentherapiesitzung für eine jeweils andere Zielgruppe statt: Montags Alkohol, Dienstag Kinderpsychiatrie, Mittwoch Demenz, Donnerstag Suizid, Freitag Psychosomatische und Angststörungen, Samstag Schizophrenie. An diesen Sitzungen dürfen ambulante wie stationäre PatientInnen partizipieren.
2. Tätigkeitsbeschreibung
Das Verständnis eines Praktikums in Indien ganz allgemein ist folgendermaßen: Sofern man sein Studium nicht bereits abgeschlossen hat, darf man in erster Linie beobachtend an den Geschehnissen teilhaben und seltener Aufgabenbereiche selbst übernehmen.
Als Praktikantin in der psychiatrischen Abteilung des MGM Hospital Kamothe nun durfte ich an Einzel- und Gruppentherapiesitzungen partizipieren, in welchen sich Elemente der Psychoanalyse, Kognitiven Verhaltenstherapie sowie der systemischen Therapie fanden. Im Folgenden führe ich einige Beispiele an:
* Beim Therapieziel Alkoholabstinenz wurden in Rollenspielen Hochrisikosituationen geübt, um Verhaltensalternativen zu erarbeiten (KVT).
* Bei der Psychoedukation wurde den PatientInnen häufig ein auf psychoanalytischen Konzepten basierendes Störungsmodell vermittelt.
* Eine Patientin mit depressiver sowie Angstsymptomatik kam zunächst alleine zur Therapie. Im Laufe der Gespräche stellte sich heraus, dass ihre Problematik im Kontext ihrer Familie betrachtet werden sollte. So zog Vaishali Shelar den Ehemann und die Tochter in weitere Therapiesitzungen mit ein. Die Patientin wurde als Symptomträgerin eines kranken Systems verstanden, und durch Paar- und Familientherapie sollte dieses nun geheilt werden. Gleichzeitig wurde der Patientin aber weiterhin besondere Aufmerksamkeit zuteil, um ihrer Problematik gerecht zu werden, und ihr wurde eine leichte Dosis Psychopharmaka verschrieben. (Systemischer Therapieansatz)
In verschiedenen Therapiegesprächen insbesondere mit Patientinnen wurden immer wieder kulturelle Unterschiede deutlich, welche sich beispielsweise in anderen Formen ehelicher Probleme als bei und zeigten - Depressionen waren häufig die Folge – und anderer Lösungsansätze bedurften als bei uns. Es war für mich entscheidend, die familiären Strukturen Indiens sowie den Stellenwert der Familie zu eruieren, um verschiedene PatientInnen und ihre problematischen Situationen besser verstehen zu können.
Weiterhin bekam ich Einblick in die diagnostischen Prozesse, beispielsweise zur Diagnostik von Mentaler Retardierung bei Kindern und Jugendlichen mittels verschiedener kulturfairer IQ-Tests. Ich hatte zudem die Möglichkeit, im Sinne von Fallstudien den Krankheitsverlauf verschiedener PatientInnen genau zu studieren, insbesondere indem ich Einsicht in Patientenakten bekam, und lernte – wenn auch nur durch Beobachtung - Erstgespräche zur Anamnese zu führen sowie Patientengespräche fachgemäß zu protokollieren.
Montags fuhr ich mit Vaishali Shelar in ein Altenheim in Kamothe; das MGM ist für die psychologische Betreuung der BewohnerInnen verantwortlich. Schließlich nahm ich auch an verschiedenen lectures teil: Da es sich beim MGM Kamothe um ein Lehrkrankenhaus handelt, gab es Lehrveranstaltungen in Kleingruppen für die CollegestudentInnen sowie die PsychiaterInnen in Ausbildung, in denen verschiedene Störungsbilder sowie Testverfahren vertiefend studiert wurden. Leider hatte ich die meisten Themen bereits im Studium gelernt, sodass die Teilnahme an diesen Stunden für mich bedauerlicherweise oft eher lediglich Wiederholung war, was von den Zuständigen der Abteilung nicht recht verstanden wurde.
An den Wochenenden nutze ich die Möglichkeit, an sogenannten Medical Camps teilzunehmen, die vom Krankenhaus MGM Kalamboli organisiert wurden. Mehrere Ärzte des Krankenhauses fuhren hierbei für einen Tag in ein Krankenhaus in einer entlegeneren Gegend Maharastras und behandeln die dortigen Patienten, primär in dem sie eine Art Sprechstunde abhalten. Hierfür werden viele Medikamente des MGM mitgebracht. Fachlich konnte ich von den Medical Camps nicht direkt profitieren, weil keine Psychiater an ihnen beteiligt waren. Aber ich konnte so einen weiteren Aspekt des indischen Gesundheitssystems kennenlernen und mit Menschen in ländlichen Regionen in Kontakt kommen, weshalb ich diese Tage dennoch sehr interessant fand. Außerdem konnte ich nebenher mein gewisses medizinisches Grundwissen erweitern.
3. Resümee
Mein Praktikum betrachte ich als eine sehr wertvolle Erfahrung in mehrfacher Hinsicht:
Eines meiner Ziele bezüglich des Praktikums war es, zu erfahren, mit welchen etwaigen Problemen man bei der klinisch-psychologischen Arbeit in anderen Kulturen konfrontiert werden kann. In Bezug auf Indien kann ich nun sagen, dass es insofern problematisch ist, dort als klinische Psychologin oder Psychotherapeutin zu arbeiten, als dass die Menschen dort Psychotherapie kaum als Verfahren zur Heilung anerkennen, sondern stattdessen das Festhalten an eine medikamentöse Behandlung noch viel stärker ausgeprägt ist als bei uns. Weiterhin ist es mir begegnet, dass der Glaube an Geister und allgemein übernatürliche Kräfte, welcher gerade in den ländlichen Regionen Indiens stark verbreitet ist, in manchen Fällen die Behandlung von Patienten erschwert: So lernte ich beispielsweise eine schizophrene Patientin kennen, deren psychiatrische Behandlung von der Familie unterbunden wurde – mit der Begründung, dass sie nicht krank sein, sondern ihr Zustand von übernatürlichen Kräften herbeigeführt worden sei, die positiv zu beeinflussen es nun gelte. Zudem entsprach der Wissensstand der in PsychiaterInnen und Psychologinnen, mit denen ich arbeitete, nicht in allen Gebieten dem, was ich im Studium lerne. Hiermit umzugehen war auch etwas, das ich während meines Praktikums lernen musste und stellt vermutlich eine Situation dar, welcher man in diesem Feld in anderen Ländern, immer mal wieder begegnen kann, auch wenn dies natürlich sehr von den jeweiligen Gegebenheiten abhängt und sich daher keinesfalls verallgemeinern lässt.
Persönlich musste ich mit an eine Facette der Arbeitswelt in Indien anfangs erst gewöhnen: Im Gegensatz zu Deutschland ist die Machtdistanz (nach Hofstede) in Indien sehr groß. Demzufolge ist also die Macht in diesem Land sehr ungleich verteilt, was auch in der psychiatrischen Abteilung bemerkbar war: Anders als ich es bisher in Deutschland kennengelernt hatte, war eine Zusammenarbeit eher auf Augenhöhe nicht möglich. Stattdessen musste ich mich akzeptieren, dass sich diejenigen in höheren Positionen weniger dafür interessierten, was ich wusste und inwiefern ich von dem Praktikum profitieren kann, als dafür, ihre eigene Überlegenheit und ihr eigenes Wissen zur Schau zu stellen. Ich lernte daher schnell, Nachfragen keinesfalls kritisch klingen zu lassen, sondern dass ich mehr erreiche und mehr Informationen erhalte, wenn ich den Personen gegenüber stets meine Unterlegenheit deutlich mache – und auch nur auf diese Weise ein positives Arbeitsklima zu erreichen ist. Ein anschauliches Beispiel für die hohe Machtdistanz ist auch, dass alle dazu verpflichtet waren, zu stehen, wenn der Leiter der Abteilung zugegen war – als Zeichen des Respekts. Auch im Arzt-Patient-Verhältnis waren diese Strukturen stets bemerkbar.
Ein Aspekt der indischen Kultur fiel mir aber auch als recht positiv im Kontext der klinisch-psychologischen Arbeit auf: Die Familie besitzt in Indien noch einen höheren Stellenwert als bei uns, der familiäre Zusammenhalt ist wesentlich größer. Diese soziale Unterstützung stellt einen protektiven Faktor hinsichtlich psychischer Erkrankungen dar. Zudem bedeutet dieser Umstand aber auch, die Familie bei der Planung der Behandlung nicht außer Acht zu lassen, sondern eher mit einzubeziehen und Psychoedukation auch bei ihnen und nicht nur bei den Patienten zu betreiben. Zumindest in den Erstgesprächen sind Familienangehörige sowieso mit anwesend, denn in Indien ist es üblich, dass die Familie von Erkrankten sie bei ihren Arztbesuchen begleitet.
Neben dem Fachlichen gab es auch einige andere Dinge, die zu erlebt zu haben ich als große Bereicherung betrachte: Ich wohnte den Monat über in einem sogenannten Paying Guesthouse, in dem mit Ausnahme einer weiteren Praktikantin aus Deutschland nur indische junge Frauen wohnten, die entweder studierten, Praktika absolvierten oder arbeiteten. Ich teilte mir zwei von ihnen mein Zimmer und abends aßen wir oft alle zusammen, denn die Vermieterin kochte täglich. Dies alles bot mir die Möglichkeit, Inderinnen näher kennenzulernen als es bei einer anderen Form der Unterkunft oder beim Bereisen des Landes wohl der Fall gewesen wäre, und einen Eindruck vom normalen indischen Alltag von Menschen meines Alters zu bekommen. Auch erklärten sie mir viele kulturelle Eigenheiten des Landes und ihren Umgang mit jenen. Als Beispiel sei hier das Thema arrangierte Ehe versus Liebesheirat genannt.
Insgesamt betrachte ich dieses Praktikum als eine wirklich wertvolle Erfahrung, in fachlicher wie auch persönlich Hinsicht, von der ich sicherlich in Zukunft profitieren werde. Der Bereich Klinische Psychologie interessiert mich auch weiterhin sehr. Während meiner Studienzeit würde ich gerne noch ein weiteres Praktikum im klinischen Bereich absolvieren, dann aber in Deutschland, um eine wirklich adäquate Vergleichsmöglichkeit zu erhalten und zudem natürlich auch Einblick in das Administrative des deutschen Gesundheitssystems zu bekommen. Mein Fachbereich bietet leider keine Lehrveranstaltungen in die thematische Richtung des internationalen Arbeitens bzw. Arbeitens in Entwicklungsländern an, sonst würde ich solche sehr gerne besuchen. Ich werde also zukünftig einfach weiterhin darauf Acht geben, ob nicht doch einmal die Möglichkeit bestünde, an solchen teilzunehmen.
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